Aufbruch. Architektur in Niedersachsen 1960 bis 1980

Ein Buchprojekt der Lavesstiftung (2017).

Aufbruchsstimmung macht sich breit. Die Lavesstiftung richtet das Augenmerk auf die Jahre „zwischen Nierentisch und Postmoderne“, wie der Berliner Architekturkritiker Wolfgang Kil den Zeitabschnitt der 1960er und 70er Jahre einmal treffend bezeichnet hat. Es sind Zeiten des gesellschaftlichen und politischen Umbruchs, geprägt von Ängsten und Unsicherheiten, gleichzeitig aber auch von Fortschrittsglauben und Idealen. Insbesondere in der Architektur zeigte sich der Aufbruch, die Orientierung nach vorne: Bauboom und technischer Fortschritt bewirkten eine wahre Zukunftseuphorie und Experimentierfreudigkeit.

Oldenburg, Wohnhaus Salomon, Wohnhaus Gronow, 1968–69 (c) Olaf Mahlstedt

Dabei erweist sich der zeitgenössische Baubestand inzwischen vielerorts als Belastung, gelten die Gebäude und Anlagen der Zeit als (teure) Sanierungsfälle – sofern sie nicht das Glück haben, aufgrund ihrer geschichtlichen, künstlerischen, wissenschaftlichen oder städtebaulichen Bedeutung ins Visier der Denkmalpflege zu geraten. Zukunftsweisende Lösungen für die behutsame Weiterentwicklung und Anpassung des Bestands an heutige Anforderungen sind gefragt und stellen konkrete Bauaufgaben dar. Grund genug, sich als Berufsstandsvertretung mit der Architektur einer Zeit zu beschäftigen, deren baukulturelles Erbe massenhaft das Land prägt, deren Historizität aber noch nicht wirklich in der Gesellschaft angekommen ist.

Die zur Architektenkammer Niedersachsen gehörende Lavesstiftung gibt 2017 ein Buch zum baukulturellen Erbe der 1960er und 70er Jahre heraus. Mit einem umfassenden Katalogteil und weiterführenden fundierten Beiträgen sensibilisiert dieses Buch für die Qualitäten dieser bislang wenig geliebten Architekturepoche. Das einmalige Grundlagenwerk erscheint im Sommer 2017 bei jovis (Berlin), soll zur öffentlichen Diskussion anregen und damit zu Wertschätzung und Erhalt der 1960er und 70er Jahre-Architektur in Niedersachsen beitragen.

Oldenburg , Verwaltungsgebäude des Landkreises Oldenburg (heute Staatsanwaltschaft Oldenburg), Wettbewerb 1964, Ausführung 1965–67 (c) Olaf Mahlstedt

Dem Buch gingen weitere Aktivitäten der Architektenkammer Niedersachsen voraus:

Architektur der 1960/70er in den Fokus rücken

2007 wurde von einer Projektgruppe der Architektenkammer unter Leitung des damaligen Vizepräsidenten Gregor Angelis eine rund 700 Objekte umfassende „Vorschlagsliste zu schützenswerten Bauten und Anlagen der 1960er- und 1970er Jahre in Niedersachsen“ erstellt und dem Niedersächsischen Landesamt für Denkmalpflege übergeben – als Anregung, die Objekte auf ihre Denkmalwürdigkeit zu überprüfen. Primäres Anliegen war es, die Architektur der Zeit in den Fokus und damit auch ins öffentliche Bewusstsein zu rücken.

„Wiedersehen… zwischen Nierentisch und Postmoderne“

2010–11 folgte die ebenfalls von der Architektenkammer Niedersachsen konzipierte Wanderausstellung „Wiedersehen. Architektur in Niedersachsen zwischen Nierentisch und Postmoderne“, erstellt auf Grundlage der vorangegangenen Vorschlagsliste. Die Ausstellung präsentierte 35 Architekturobjekte verschiedener Baugattungen und unterschiedlicher Regionen Niedersachsens. Alle beteiligten Projekte standen – zum Zeitpunkt der Ausstellung jedenfalls – nicht unter Denkmalschutz. Auf Roll Up-Displays wurden sie mit aktuellen Fotos und kurzen Texten vorgestellt, teilweise ergänzt durch Originalmaterial aus der Bauzeit. Für zunächst drei bis vier Standorte konzipiert, konnte die Wanderausstellung schließlich an neun Stationen landesweit gezeigt werden.

Oldenburg, St. Johannes-Kirche in Kreyenbrück, eingeweiht am 10.04. 1960 (c) Olaf Mahlstedt

 

 

 

 

 

 

 

Das Projekt hatte ganz offensichtlich den „Nerv der Zeit“ getroffen. Die in der Folgezeit in Gang gekommene, verstärkte Diskussion zur Frage der Denkmalwürdigkeit führte dazu, dass einige der in der Ausstellung vertretenen Projekte inzwischen im Verzeichnis der Baudenkmale in Niedersachsen stehen – darunter die Hochschule für Musik und Theater (Hannover), die Kindertagesstätte Sylter Weg (Hannover) – beides Bauten des hannoverschen Architekten Prof. Rolf Ramcke, die Städtische Galerie KUBUS (Hannover) von Architekt Alfred Müller-Hoeppe sowie die Kirchenbauten St. Raphael mit Gemeindezentrum (Wolfsburg) der Architekten Toni Hermann, Kleve/Hannes Hermanns, Kleve/Köln und Peter Thomas Koller als weiterer Beteiligter und die Gerhard-Uhlhorn-Kirche (Hannover) von Reinhard Riemerschmid.

Lavesstiftung am 85. Tag für Denkmalpflege

Wurde auch Ihr Nerv getroffen? Die Lavesstiftung versucht ihr bestes, Sie von der Qualität der Architektur aus den 1960/70er Jahren zu überzeugen. Lernen Sie die Lavesstiftung kennen: am 85. Tag für Denkmalpflege, Sonntag, 18. Juni in Oldenburg auf dem „Markt der Möglichkeiten“.

  • Anlässlich des 85. Tags der Denkmalpflege in Oldenburg zeigt die Lavesstiftung beim „Markt der Möglichkeiten“ Ausschnitte aus der Wanderausstellung „Wiedersehen…“ – die Oldenburger Objekte der Ausstellung stehen im Fokus.
  • Darüber hinaus können Vorabdrucke des dieser Tage im Druck befindlichen Buchs „Aufbruch. Architektur in Niedersachsen von 1960 bis 1980“ eingesehen werden.
  • Schließlich bieten die Oldenburger Architekten Gregor Angelis und Peter Salomon um 15:30 Uhr eine Führung zu zwei fußläufig vom Pferdemarkt aus erreichbaren Objekten der 1960er und 70er Jahre an.

Wir bitten um Anmeldung zur Führung unter felicia.riess@aknds.de (Teilnehmer: max. 20 Personen).

Hashtags zum 85. Tag für Denkmalpflege: #AltesHausWasNun #85TFD

Beitragsbild: Oldenburg, Schulzentrum Kreyenbrück, 1974 (c) Olaf Mahlstedt.

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