Archäologie – ein Buch mit sieben Siegeln?

Bauen ist ein schwieriges Geschäft. Es muss an so Vieles gedacht werden: an die Statik, an die Isolierung oder an das Aussehen eines Bauwerkes. Wie fügt es sich in seiner Umgebung ein? Und nicht zu vergessen an die Finanzierung. Vielfältige Regelungen beanspruchen in hohem Maße das Können eines Architekten oder Ingenieurs. So manches Mal sieht man dem Bauherren verständlicherweise die Erleichterung ins Gesicht geschrieben, wenn dies nun alles geschafft ist und der fertige Bauantrag beim Bauamt eingereicht wird – in der Annahme, dass dieser so die Behörden passieren dürfte. Wenn das doch nur alles wäre!

Denn der fertiggestellte Antrag geht nunmehr in das sogenannte Beteiligungsverfahren. In diesem wird geprüft, ob das Vorhaben wirklich alle öffentlichen Belange richtig berücksichtigt und nach den Vorstellungen des Antragstellers umgesetzt werden kann. Spätestens jetzt kommt auch die Bodendenkmalpflege, also die Archäologie, ins Spiel. Und damit ein Akteur, der für unliebsame Überraschungen gut sein kann. Hat sich die Bauwelt inzwischen an Naturschutzbelange gewöhnt, so erscheint ihnen die Archäologie meistens doch noch sehr fremd. Die Archäologie – ein Buch mit sieben Siegeln?

Die Gretchenfrage: Plane ich einen Eingriff in den historischen Boden?

Dabei ist der erste Zugang zur Bodendenkmalpflege gar nicht mal so schwer. Im günstigsten Fall gibt der Bebauungsplan schon Auskunft. Aber auch sonst muss die erste Frage einfach lauten: Plane ich einen Eingriff in den historischen Boden? Für Bauherren in alten Stadtkernen lässt sich diese Frage problemlos bejahen, so dass sich diese Gruppe im Vorfeld immer an den zuständigen Archäologen wenden. Mit ihr oder ihm wird die Vorgehensweise geklärt. Es gilt dann zu besprechen, ob durch ein schonendes Gründen historische Substanz im Boden vielleicht geschützt werden kann oder ob durch Ausgrabung dokumentiert werden soll, was verloren zu gehen droht. Allgemeine Regeln gibt es dabei kaum, da jedes Bauvorhaben seine spezifischen Eigenheiten aufweist.

Reste eines Brunnens und eines Grubenhauses in einer Baugrube in Bardowick (c) NLD.

Archäologische Untersuchungen im Vorfeld jeglichen Neubaus

In den beiden letzten Jahrzehnten hatte das Niedersächsische Landesamt für Denkmalpflege in Lüneburg überproportional viel mit Bauvorhaben in Bardowick zu tun. Der nördlich von Lüneburg gelegene Ort war zwischen 800 und 1200 vier Jahrhunderte lang eine bedeutende Stadt, die nach 1000 bis zur Zerstörung am Ende des 12. Jahrhunderts durch Heinrich den Löwen eine erhebliche Ausdehnung erlangt hatte. Nach einer langen Phase als landwirtschaftlicher Flecken als Zentrum des Gemüseanbaues für Hamburg, nimmt in den letzten Jahrzehnten der Siedlungsdruck auf die innerörtlichen Freiflächen erheblich zu. Ausgrabungen zeigten schon bald, dass diese unbebauten Flächen erst durch bzw. nach der Zerstörung entstanden waren. Die mittelalterliche Stadtbebauung ist zwar dem Boden gleichgemacht und verpflügt, aber ansonsten sind die Reste noch im Untergrund vorhanden. In der Praxis bedeutet dies die Notwendigkeit archäologischer Untersuchungen im Vorfeld jeglicher neuer Bebauung.

Kontakte, Kommunikation und Kooperation

Diese umfangreichen mittelalterlichen Spuren und Reste wie Brunnen, Hausgründungen, Grubenhäuser, Parzellierungsgräben oder Abfallgruben führen dazu, dass die meisten Ausgrabungen sowohl zeitlich als auch finanziell aufwändig sind. Inzwischen hat die Bodendenkmalpflege in Lüneburg genug Erfahrungen gesammelt, um zuverlässige Prognosen über die voraussichtliche Dauer und Kosten der erforderlichen archäologischen Maßnahmen abgeben zu können. Samtgemeinde, Landkreis und Niedersächsisches Landesamt für Denkmalpflege ziehen hier an einem Strang, um frühzeitig Kontakte zwischen den Bauherren und der Bodendenkmalpflege herzustellen, inzwischen mit mehrheitlich gutem Erfolg. Das Ziel ist, im Gespräch vor allen Beteiligten eine Planungssicherheit zu erreichen und eine Kooperationsbasis herzustellen, die der Ablauf der Untersuchungen möglichst reibungslos gestalten soll – letzteres spart Zeit, Geld und vor allem Nerven.

Bauen im ländlichen Raum – Wie geht das vor sich?

Beim Bauen im ländlichen Raum ist nicht immer klar, ob der Bauplatz archäologisch untersucht werden muss. Die Archäologen prüfen zunächst, ob die (nicht öffentlich zugängliche) Informationsdatenbank ADABweb Informationen über die zu bebauende Fläche enthält. Wenn dann der Verdacht aufkommt, dass der Bauplatz wichtige historische Spuren enthalten könnte, wird der Bezirks- oder Kreisarchäologe dazugeholt. Ist der Sachverhalt im Boden unklar – was häufig der Fall ist, da auch der beste Archäologe nun mal nicht in den Boden hineinschauen kann – verlangt die Behörde gegebenenfalls eine Voruntersuchung. Mit deren Ergebnis fällt die Entscheidung, was der Bauherr beachten muss.

 

Archäologische Untersuchungen der riesigen Trasse der Norddeutschen Energieleitung NEL (c) NLD.

Inzwischen hat sich durchgesetzt, dass die Archäologie bei großräumigen Bauprojekten mit einem hohen Flächenverbrauch immer mitzubeteiligen ist. Ob das nun Gewerbegebiete, Autobahnprojekte oder Pipelines sind. Zum Beispiel haben die Ergebnisse der großflächigen Untersuchungen in den Trassen der Norddeutschen Erdgasleitung (NEL) durch Mecklenburg-Vorpommern und Niedersachsen tiefe Einblicke in bisher unbekannte Siedlungslandschaften ermöglicht, was sonst verborgen geblieben wäre.

Trassengrabungen gewähren unersetzliche Einblicke in historische Landschaften

Der wissenschaftliche und kulturelle Nutzen solcher Projekte für die Archäologie sind kaum hoch genug einzuschätzen, aber auch für die Investoren gehen die Grabungsergebnisse durch die hohe öffentliche Beachtung mit erheblichen Imagegewinnen einher. Für die Denkmalpflege geht es dabei nicht mal sosehr um wunderschöne Funde wie der bronzezeitliche Goldfund von Gessel bei Syke, sondern um die historische Dimensionen der Verteilung der Fundplätze in der norddeutschen Tiefebene. Trassengrabungen gewähren unersetzliche Einblicke in prähistorische oder mittelalterliche Landschaften als willkommene Ergänzung zu allen sonst vorhandenen Erkenntnissen aus Ausgrabungen, Funden oder Geländeinventarisation.

Bronzezeitlicher Hausgrundriss in der Trasse der NEL. Luftbild einer Drohne der Firma Helicontrol GbR für Arcontor (c) NLD.

Der Schlüssel zum Erfolg ist nach allen bislang gesammelten Erfahrungen immer wieder eine offene Kommunikation zwischen allen Beteiligten und Betroffenen. Diffuse Ängste bei Bauherren gehören frühzeitig abgebaut – die archäologische Praxis ist voller Beispiele von Baumaßnahmen, die nach intensiver Planung zur Reduzierung von Zeitverlusten Hand in Hand mit Ausgrabungen durchgeführt wurden, sowohl in den Städten als auch bei Großprojekten wie Autobahnen oder Pipelines.

Daniel Fellenger von der Leibniz-Universität Hannover führt eine geophysikalische Element-Untersuchung auf der Grabung durch (c) NLD.

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Für Sie ist die Archäologie weiterhin ein Buch mit sieben Siegeln? Sie wollen bauen und befürchten ein ähnliches Szenario? Dann kommen Sie zum 85. Tag für Denkmalpflege nach Oldenburg! Treffen Sie dort sämtliche Ansprechpartner rund um die Frage: „Altes Haus, was nun? Zwischen Wollen und Können“. Handwerker, Architekten, Denkmalpfleger, viele Freiwillige und Engagierte zeigen am Sonntag, 18. Juni 2017 von 13 bis 17 Uhr, was sich hinter dem sperrigen Begriff Denkmalpflege alles Spannendes verbirgt. Diskutieren Sie mit uns, auch gerne beim Podiumsgespräch von 13 bis 14:30 Uhr. Hieran nimmt auch der Autor dieses Beitrags,  Jan Joost Assendorp, teil. Der Moderator Ludger Abeln fragt: Was hat es überhaupt mit der Denkmalpflege auf sich?

85. Tag für Denkmalpflege, 18. Juni in Oldenburg, 13 bis 17 Uhr, am Pferdemarkt 8a auf dem Platz zwischen der Exerzierhalle und der bau_werk Halle. Hier geht es zum Programm und zu allen weiteren Akteuren.

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Beitragsbild: Die Blockbergung des Hortfundes von Gessel bei Syke in der Trasse der NEL durch die Grabungsfirma Archaeofirm (c) Andreas  Niemuth/NLD.

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