Lüneburger Heide, Schneverdingen, Kinderzeichnung, 1977

Ein Feriendorf und die ewige Heide

Meine Erinnerungen an das Feriendorf Schneverdingen sind elementarer Natur: Im Sommer 1977 sollten die Bewohner des benachbarten Ferienhauses mich Fünfjährige hüten, während meine Eltern samt älterer Schwester in der Lüneburger Heide bildungsbürgerlichen Urlaubsfreuden nachgingen. Vielleicht war es der vertikale Ausdruck des horizontalen Verlassenwerdens, in jedem Fall passierte ein Malheur. Besagte Kurzzeitnachbarn quittierten es mit einem unüberhörbaren „Die Lütte hat in die Hose gemacht“. Rituell wiederholt auf allen Familienfesten, erlangten dieser Ausspruch und der damit verbundene Ort für mich fast ikonische Qualität – und ließen mich 39 Jahre später einen zweiten Blick auf das Feriendorf werfen, in dem 1958/59 der Kinofilm „Heimat – Deine Lieder“ gedreht wurde.

 

Ein modernes Heidedörfchen

Feriendorf Schneverdingen, späte 1950er Jahre (Foto: historische Postkarte, Verlag Ferdinand Lagerbauer & Co., Hamburg)
Feriendorf Schneverdingen, um 1958 (Foto: Verlag F. Lagerbauer & Co., Hamburg)

Für das Deutsche Erholungswerk (DEW), ein 1953 u. a. von der Hamburger Journalistin und CDU-Politikerin Johanna Brauweiler (1896–1989) gegründeter Verein, errichtete der Architekt Carl Rothe 1958 das Feriendorf in Schneverdingen – am Rand des Naturschutzparks Lüneburger Heide. Damit wollte das DEW Eltern einen erschwinglichen und verbindenden Urlaub mit ihren Kindern ermöglichen. Insgesamt sollten sechs DEW-Feriendörfer entstehen (1958: Schneverdingen, 1960: Blomberg, 1962-75: Golsmaas, 1966: Gedern, 1967-72: Sattelbogen, 1970: Todtnau), die alle ein Gemeinschaftshaus mit malerisch in die Landschaft gestreuten Einzel- bzw. Doppelhäusern verbanden. Die Planer wählten einen modernem Heimatstil, vor allem das jeweils regional typische Fachwerk.

In Schneverdingen war es der „niederdeutsche Stil“ mit ziegelgedeckten Satteldächern, Backsteinfachwerk und weiß gefassten Sprossenfenstern – wie ein gewachsenes Heidedorf, oder wie sich der Hamburger dieser Jahre ein gewachsenes Heidedorf vorstellte. So wählte der Regisseur Paul May die Siedlung als Kulisse für sein Filmprojekt, das 1959 in die bundesdeutschen Kinos kam. In Schneverdingen entstanden Außenaufnahmen für „Heimat – Deine Lieder“: Blondes Mädel mit verwickelter, aber unbefleckter Vergangenheit bezaubert und bekehrt melodisch singend einen reichen Hamburger Tunichtgut. Ein Film dieser Couleur wirkte 1959 wie aus der Zeit gefallen. Drei Jahre, nachdem der Heimatfilm-Kinderchor die Löns‘sche Heide zelebrierte, brillierten die Beatles im Hamburger Star-Club.

 

Zwischen zwei Jahrhunderthälften

Filmszene aus „Heimat – Deine Lieder“ (Regie: Paul May, 1959) mit der Schauspielerin Sabine Bethmann (Bild: Divina-Farbfilm, Gloria-Filmverleih)
Sszene aus „Heimat – Deine Lieder“ (P. May, 1959) mit der Schauspielerin S. Bethmann (Bild: Divina-Farbfilm, Gloria-Filmverleih): Online gibt es den Film HIER anzuschauen.

Für „Heimat – deine Lieder“ brauchte es neben Regisseur und Schauspielern, von denen sich viele vor dem Krieg schon im UFA-Film bewährt hatten, auch einen Ort. Dazu zählten nicht nur Heidelandschaft (mit Schäfer und Schnucke) und Dorfschenke (mit pittoresken Einheimischen), sondern ebenso ein SOS-Kinderdorf, wofür unsere Feriensiedlung hergerichtet wurde. Die Filmheldin (Sabine Bethmann) kümmert sich hier rührend um Flüchtlingskinder, um nach einigen Verwicklungen schließlich im Hafen der Ehe in die Eigenproduktion überzugehen. Eingestreut wird nicht nur Lied- und Bildgut der schlesischen „Vertriebenen“. Zu Beginn intoniert die SOS-Kindermutter mit einer neunköpfigen Kinderschar, darunter zwei „Afrodeutsche“, die Weise „10 kleine Negerlein“ (in entschärfter Version).

Der Film balancierte zwischen alten Heimatbildern und neuen Problemen. Eine Republik, die der eigenen Demokratie noch nicht ganz traute, musste ebenso Kriegsflüchtlinge integrieren wie „Besatzerkinder“, die farbigen Nachkommen amerikanischer Soldaten. Beide Gruppen ließ der Regisseur in einer Neubausiedlung mit historischer Anmutung zu einer neuen Familie mit traditionellen Werten zusammenfinden. Zeichenhaft kommt der männliche Filmheld (Rudolf Lenz) als Tourist aus dem großstädtischen Hamburg, um als bekehrter, als moderner Landbewohner zu enden. Ähnlich inszenierte das in der nahen Großstadt Hamburg verortete Deutsche Erholungswerk seine Feriensiedlung(en) als Essenz eines gewachsenen Dorfs – mit moderner Bautechnik, nach modernen Urlaubsstandards.

 

Eine Heimat auf Zeit

Feriendorf Schneverdingen, um 2015 (Bild: superklassenfahrt.de)
Feriendorf Schneverdingen, um 2015 (Bild: superklassenfahrt.de): Wenn Sie jetzt voller Reisefreude sind, können Sie sich HIER über Urlaub in Schneverdingen erkundigen.

Diese „Heimat auf Zeit“, entstanden an der Nahtstelle zweier Jahrhunderthälften, funktionierte 1958 ebenso wie für meine Familie 1977 oder für Feriengäste im Jahr 2016. Gleich mehrere Urlaubergenerationen entdeckten hier Erinnerungswert, Retro-Charme und sogar (sozial-)geschichtliche Bedeutung. Jede neue Nutzergruppe füllt den baulichen Rahmen – zumeist völlig unbefangen – mit eigenen Werten. Von den sechs DEW-Standorten werden bis heute fünf als Feriendörfer betrieben. Für die Siedlung in Blomberg, die ebenso wie Schneverdingen baulich fast unverändert über die Jahrzehnte gelangte, hat sich das Konzept „Heimat auf Zeit“ 2016 mit einem alten, neuen Sinn gefüllt: Das DEW hat die Siedlung an die Kommune verpachtet, die hier u. a. syrische Flüchtlingsfamilien unterbringt.

 

Die Autorin

logo-moderneregionalDr. Karin Berkemann, * 1972, Dipl.-Theol., Kunsthist. M. A., Fortbildung „Architekt in der Denkmalpflege“, seit 2002 freie Kirchbau-Projekte, 2008-10 wiss. Volontärin/Angestellte beim Landesamt für Denkmalpflege Hessen, 2013-16 Kustodin am Dalman-Institut, seit 2016 Lehrstuhlvertretung an der Uni Greifswald, freie Bauforscherin, Geschäftsführerin von moderneREGIONAL. Das kostenfreie Online-Magazin widmet sich der Baukunst des 20. Jahrhunderts: Alle drei Monate gibt es ein Themenheft, alle zwei Wochen einen Newsletter, täglich aktuelle Meldungen – auch via RSS und Facebook.

 

Literatur und Quellen

  • Archivmaterial (u. a. Filmmaterial zum 50-jährigen Jubiläum) des Deutschen Erholungswerks e. V.
  • Figge, M., Deutschsein (wieder-)herstellen. Weißsein und Männlichkeit im bundesdeutschen Kino der fünfziger Jahre, Bielefeld 2015.
  • Schack, M., Ein Haus auf Zeit. Bungalow-Feriendörfer der 1960er Jahre im Teutoburger Wald, Eggegebirge und Weserbergland, Detmold 2014.
  • Bernhauer, E., Die staatliche Förderung des Fremdenverkehrs in der Bundesrepublik Deutschland und in Berlin 1961 bis 1964 (Beiträge zur Fremdenverkehrsforschung 10), Berlin 1967.
  • Diekmann, S., Die Ferienhaussiedlungen Schleswig-Holsteins. Eine siedlungs- und sozialgeographische Studie (Schriften des Geographischen Instituts der Universität Kiel XXI, 3), Kiel 1963.
  • Henseleit, F., 10 Jahre Gloria-Film. Jubiläumsprogramm 1959/60. Filme, hg. von Gloria-Film, o. O. 1959.

Schreiben Sie einen Kommentar